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„Europa beginnt langsam zu verstehen, dass es handeln muss“

Sebastian Kurz, Unternehmer und Altbundeskanzler Österreichs, über die Rolle der EU in einer Welt geopolitischer Umbrüche, die transatlantischen Beziehungen sowie Herausforderungen für Investoren im Nahen Osten.
 

Als früherer Bundeskanzler Österreichs und einer der jüngsten Regierungschefs Europas prägte Sebastian Kurz über Jahre die EU-Politik und beschäftigt sich heute mit Geopolitik, wirtschaftlicher Transformation und internationalen Investitionen. Dazu gehören Geschäftsaktivitäten in Europa, Israel und im Nahen Osten wie das Cyber-Security-Unternehmen DREAM Security, das KI-basierte Lösungen zum Schutz kritischer Infrastruktur entwickelt.

Sie sind beruflich sowohl in der Golfregion, als auch in Israel engagiert. Kriegerische Handlungen bestimmen hier wie dort das Tagesgeschehen. Wie erleben Sie das zurzeit?

Mich beeindruckt vor allem die Resilienz, die ich in der Region erlebe. Israel hat nach dem 7. Oktober, dem schlimmsten Terroranschlag seiner Geschichte, innerhalb kürzester Zeit wieder funktioniert: wirtschaftlich, gesellschaftlich und auch technologisch. Auch in den Golfstaaten sieht man, wie schnell nach Krisen wieder Alltag, Investition und Zukunftsorientierung möglich werden. Das ist nicht nur bemerkenswert, sondern auch ein Grund, warum ich weiterhin sehr an die Zukunft dieser Region glaube.

Sie haben gesagt, man solle sich von Trumps Lärm nicht ablenken lassen, seine Politik sei strategisch. Gilt das auch für die derzeitige Nahost-Krise?

Trump ist von der Mehrheit der Amerikaner gewählt und daher muss man ihn nehmen, wie er ist: als jemanden, der Interessen sehr klar formuliert und entsprechend handelt und Druck aufbaut. Das ist für uns Europäer oft ungewohnt, aber es kann Bewegung erzeugen. Im Nahen Osten hat man unter Trump mehr Dynamik gesehen als in vielen Jahren davor, etwa mit den Abraham Accords und neuen Gesprächskanälen. Zugleich darf man die Bedrohung durch den Iran nicht verharmlosen. Ein nuklear bewaffnetes Mullah-Regime wäre eine massive Gefahr für Israel, für die Golfstaaten und letztlich für die ganze Welt.

Kann man als global engagierter Unternehmer angesichts der Weltunordnung überhaupt noch planen?

Planungssicherheit im klassischen Sinn gibt es heute immer weniger. Wir leben in einer Zeit, in der geopolitische Konflikte, technologische Umbrüche und wirtschaftliche Verschiebungen gleichzeitig stattfinden. Als Unternehmer kann man darauf mit Rückzug reagieren, oder man lernt, mit Unsicherheit besser umzugehen. Ich glaube an Zweiteres. Israel ist ein gutes Beispiel: permanente Bedrohungslage und trotzdem einer der dynamischsten Tech-Standorte der Welt. Auch die Golfregion zeigt, wie schnell aus strategischer Klarheit wirtschaftliche Dynamik entstehen kann.

Welche Erfahrungen, die Sie jetzt als Unternehmer machen, würden Sie besonders hervorheben?

In der Politik wie im Unternehmertum ist es entscheidend starke Teams aufzubauen. Das ist uns damals in der Politik sehr gut gelungen, und es ist ebenso entscheidend für den Erfolg bei DREAM. Wir haben ein internationales Team geformt, das heute mit Standorten in Wien, Abu Dhabi und Tel Aviv mehr als 300 Leute umfasst. Das macht große Freude.

Denken Sie manchmal: Das würde ich als Politiker anders machen, sollte ich vielleicht wieder ein Mandat anstreben?

Als Politiker trifft man jeden Tag Entscheidungen. Es liegt in der Natur der Sache, dass nie 100 Prozent davon richtig sind. Aber es geht darum, voranzuschreiten und den Mut zu haben, Dinge zum Positiven zu verändern. Ich war immer mit großer Freude und Energie in der Politik. Aber ich bin mit dem, was ich derzeit mache, sehr zufrieden. Ich kann als Unternehmer an Themen arbeiten, die für Staaten und Gesellschaften zentral werden: digitale Souveränität, Cybersicherheit und der verantwortungsvolle Einsatz von KI.

Abgrenzung oder Annäherung gegenüber Parteien rechts von den Konservativen – welcher Kurs ist richtig?

 

Für mich ist der Wille des Wählers das entscheidende Kriterium. Jede Partei, die gewählt wird, kann daraus zunächst einmal eine Legitimation ableiten. Ich halte nichts davon, bestimmte Meinungen pauschal auszuschließen, weil sie unbequem sind. In meiner Regierungszeit haben wir mit einer Partei rechts der Konservativen über weite Strecken gut regieren können. Aber die Parteien sind in Europa sehr unterschiedlich, und daher stellen sich die Fragen in anderen Ländern ganz anders. Klar ist in jedem Fall: Der Rechtsruck in Europa ist kein Naturphänomen, sondern oft die Folge davon, dass Mehrheitsanliegen der Bevölkerung zu lange ignoriert wurden. Statt nur über Parteien rechts der Mitte zu diskutieren, sollte man fragen, warum immer mehr Menschen dorthin abwandern. Wer Sorgen ernst nimmt, klare Lösungen anbietet und Ordnung mit Zuversicht verbindet, kann Wähler auch wieder zurückgewinnen.

Sind Sie noch stolz, aus Europa zu kommen?

Ja, selbstverständlich. Europa hat enorme Stärken: extrem hohe Lebensqualität, Kultur, Bildung, einen Binnenmarkt mit 450 Millionen Menschen. Gleichzeitig müssen wir ehrlich darüber sprechen, dass Wohlstand nicht selbstverständlich ist. Er muss immer wieder neu erarbeitet werden. Was mich vorsichtig optimistisch macht: Europa beginnt langsam zu verstehen, dass es handeln muss. Dieses Eingeständnis ist keine Niederlage, sondern der Beginn jeder Erneuerung. Europa kann wieder stärker werden, wenn es sich als dritte Kraft zwischen Washington und Peking versteht: souverän, selbstbewusst und wirtschaftlich stark. Aber dafür müssen jetzt grundlegende Reformen angegangen werden.

Sehen Sie die Aufrüstung in Europa auf gutem Weg?

Der Bewusstseinswandel ist endlich da. Europa hat sich jahrzehntelang auf den amerikanischen Sicherheitsschirm verlassen und dabei zu wenig eigene Fähigkeiten aufgebaut. Jetzt wird mehr investiert. Die entscheidende Frage ist aber, ob wir richtig investieren. Konflikte sehen heute fundamental anders aus als vor zehn oder zwanzig Jahren. Drohnen, autonome Systeme, KI und Cyberangriffe verändern die Kriegsführung. Wer Verteidigung heute nur als Beschaffung klassischer Hardware versteht, wird zu kurz springen. Klug investierte Verteidigungsausgaben können Sicherheit schaffen und zugleich Innovation, Industrie und technologische Souveränität in Europa stärken.

Sie gelten als Transatlantiker. Wo ist die Grenze der Diplomatie im Umgang mit der derzeitigen US-Führung?

Die transatlantische Partnerschaft bleibt für Europa zentral. Unabhängig davon, wer gerade im Weißen Haus sitzt, müssen wir uns um ein gutes Verhältnis zu den USA bemühen. Die Beziehungen dürfen nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden, nur weil eine US-Regierung unbequem oder unberechenbar ist. Gleichzeitig muss Europa lernen, aus einer Position der Stärke zu verhandeln und nicht aus einer Position der Abhängigkeit. Das gilt militärisch, technologisch und wirtschaftlich. Ein starkes Europa ist kein Gegenmodell zu Amerika, sondern ein besserer Partner für Amerika.

Stichwort Cybersicherheit: Wo sehen Sie die größten Gefahren, wo das größte wirtschaftliche Potenzial?

Die größte Gefahr ist, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Kritische Infrastruktur, Energieversorgung, Gesundheitssysteme, Flughäfen oder staatliche Einrichtungen sind längst Ziele hochkomplexer Angriffe. KI beschleunigt diese Entwicklung massiv, Cybersicherheit verändert sich grundlegend. Es reicht nicht mehr, bestehende Einzelsysteme mit etwas KI aufzubessern. Man braucht Systeme, die alle relevanten Signale zusammenführen und eine Art Cyber-Schutzschirm bilden. Das wirtschaftliche Potenzial liegt genau dort: in Prävention, automatisierter Erkennung und, wo notwendig, automatisierter Gegenwehr. Kein Mensch kann auf KI-gestützte Angriffe dauerhaft schnell genug reagieren. Das ist der Kern dessen, was wir bei DREAM entwickeln.

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