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Interview

„Der Markt der Robotik wird größer als alles, was es derzeit gibt“ 

David Reger, CEO von NEURA Robotics, über intelligente Maschinen als Schlüssel für mehr Wettbewerbsfähigkeit und als Antwort auf den Mangel an Fachkräften sowie die Frage, wie sich Europa bei dem Thema schlägt.

Das Stichwort lautet kognitive Robotik: David Regers Vision ist es, intelligente Maschinen zu entwickeln, die Menschen in Industrie und Alltag unterstützen und neue Möglichkeiten der Automatisierung eröffnen.

In China hat ein humanoider Roboter im Halbmarathon gegen menschliche Teilnehmer gewonnen. Spiegelt so eine Nachricht wider, was derzeit in der Robotik passiert?
Ja, definitiv. Wir sehen natürlich nicht nur beim Thema Laufen große Fortschritte, die Entwicklung ist insgesamt extrem schnell. Wir stehen kurz davor, Roboter für nahezu jede physische Aufgabe zu befähigen, für Tasks, die bisher nur Menschen ausführen konnten.

Spielt in Sachen Robotik und Physical AI aktuell in China die Musik?
Grundsätzlich ist China sehr gut aufgestellt. Der Staat hat das Ziel ausgegeben, bis 2030 eine große Zahl intelligenter Roboter in den eigenen Markt zu bringen. Warum? Weil China bis dahin voraussichtlich 80 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. In Deutschland oder Europa fehlt uns ein solches Kernziel. Wichtig ist in Deutschland vor allem das Mindset – und da passiert gerade etwas.

Der Zug in Sachen Robotik ist in Europa also noch nicht abgefahren?
Definitiv nicht. Es kommt stark auf Sensorik und Computerarchitektur an, und da sind die Chinesen genauso weit wie wir. Genau jetzt ist in Europa der richtige Moment. Auch die Wirtschaft bei uns hat das verstanden. Das sehen wir an den Partnerschaften, an dem Push und auch an der Aufmerksamkeit, die wir derzeit bekommen. Gleichzeitig sitzen hier in Europa nach wie vor die nötigen Talente und Köpfchen, die einen neuen Standard schaffen können, den wir brauchen. In solchen Entwicklungsfragen sind wir ziemlich gut. Aber wir müssen loslegen und Gas geben. 
Was genau muss passieren für optimale Rahmenbedingungen? Mal abgesehen vom Bürokratieabbau …
Über die Bürokratie reden wir oft, weil man auf diese Weise schnell einen Schuldigen zur Hand hat. Die Politik wird aber nicht für uns die Roboter entwickeln. Natürlich brauchen wir weniger Gießkanne bei öffentlichen Investitionen, mehr Fokus. Ich erwarte von der Politik, dass sie ein klares Ziel vorgibt. Die nötigen Skills haben wir, aber bei den Unternehmern brauchen wir auch einen Mindset Change: mehr Verantwortung, weniger Ausreden, einfach mal mutig sein und tun. Die Robotik ist in meinen Augen eine der letzten Chancen, mit der wir als Land noch weiter wirtschaftliche Relevanz in der Welt haben können. Und wenn wir diesen Zug verpassen, ist es vorbei. In unserem Unternehmen spüre ich diesen Ehrgeiz, und wir haben eine Vision. Und so ein klares Ziel brauchen wir auch in Deutschland und ganz Europa. Nur dann gelingt es, die nötigen Opfer zu bringen. Ich kämpfe so sehr dafür, weil ich nach der Zeit, in der ich in den USA gelebt habe, ein gesundes Sozial- und Rentensystem zu schätzen weiß. Viele junge Leute reden Deutschland schlecht, weil ihnen diese Perspektive fehlt.

Sie sagen, Robotik wird größer als Smartphones. Eine Zuspitzung?
Nein. Der überwiegende Teil der weltweiten Wirtschaftsleistung wird durch Menschen erwirtschaftet, die körperliche Arbeit verrichten. Und wenn wir sehen, was in den Labs gerade passiert, dann ist absehbar, dass Robotik in der Zukunft grundsätzlich alle physischen Tätigkeiten übernehmen kann. Dieser Markt wird größer als alles, was es derzeit gibt. Genau bei dieser physischen Arbeit werden uns in Deutschland die Menschen fehlen. Wir werden viele Roboter in allen Bereichen des Lebens haben. Und das wird schneller und drastischer kommen, als man denkt, weil es in einer Übergangszeit nicht die volle Autonomie braucht. Knöpfe drücken, Schalter umlegen, Bauteile in die Maschine einlegen – das lernen Roboter schnell. Es braucht keine Veränderungen der Umgebung: Mensch raus, Roboter rein, und die Arbeit läuft weiter, rund um die Uhr.

Fehlen uns Fachkräfte für die Umsetzung?
Ich glaube, dass Spezialisten in Zukunft nicht mehr in der heutigen Form gebraucht werden. Das Prompten wird immer einfacher werden. Während Roboter spezialisierte Aufgaben übernehmen, werden Menschen wieder stärker für zwischenmenschliche Aufgaben gebraucht. In den kommenden fünf Jahren werden wir noch nicht genügend Roboter in der Masse haben, aber dann legt sich der Schalter um. Es werden neue Dinge entstehen, die wir heute noch gar nicht kennen. So wie man sich vor Einführung des Traktors nicht vorstellen konnte, dass man nicht mehr auf dem Feld arbeiten würde. Auch jetzt kommt es wieder auf das Mindset an, darauf, nicht nur die Gefahren, sondern auch die Chancen zu sehen. Wie viele Menschen wollen noch physisch arbeiten? Und auch die Rollenverteilung im Haushalt wird neu geregelt werden. Wir streiten darüber, ob Frau oder Mann – dabei wird in Zukunft vieles der Roboter erledigen.

 

Wann wird Robotik so bezahlbar sein, dass wir alle einen Bügelroboter zu Hause haben?
Das hängt von Stückzahl und Markt ab und wird zunächst ein Luxusgut sein – so wie früher Computer oder Handys. Momentan planen wir, dass ein Haushaltsroboter 10.000 bis 15.000 Euro kostet. Es wird ein Gebrauchtmarkt entstehen, es werden sich Leasingmodelle entwickeln. Wer hätte sich früher vorstellen können, dass heute auch Menschen in ärmeren Ländern allesamt ein Smartphone besitzen?

Haushalt, Industrie, Pflege, Rüstung – in welchem Bereich sehen Sie das größte Potenzial?
Wir fokussieren uns auf das, was kompliziert ist und wo Deutschland eine große Rolle spielen und gewinnen kann. Und das ist die Industrie. In diesem Bereich hat physische Arbeit den größten Anteil an der Wirtschaftsleistung.

Jeder kennt inzwischen generative KI. Warum ist auch der Begriff Physical AI fundamental?
Diese darf nicht mit klassischen Vision-Language-Action-Modellen verwechselt werden, die Bilder und Sprache analysieren und daraus Handlungen ableiten. Physical AI ist wie ein Gehirn, das auf Bewegungen reagieren kann. Ein Gehirn allein ist aber nicht die Lösung für alles. Beispiel Schwimmen: Das lernt man nicht, indem man ein Jahr lang ein Video anschaut. Das funktioniert vor allem über Nervensystem, Reflexe und Selbstwahrnehmung. Wenn wir ein Glas mit Wasser füllen wollen, würde es bei einem reinen Vision-Modell ohne Reflexe einfach aus der Hand rutschen. Da wir aber ein echtes physikalisches Modell bauen, nutzen wir den Reflex, der auf die Shear Forces – also sogenannte Scherkräfte – an den Fingerspitzen reagiert. Wenn bemerkt wird, dass sich diese Kräfte erhöhen, schnappt das System reflexartig weiter zu.

Und was hat es mit dem Robotik-Ökosystem auf sich?
Würden wir versuchen, alle Aufgaben direkt im Roboter zu lösen, wäre das ineffizient. Der eigentliche Vorteil liegt in der Ebene darüber – unserer Plattform und dem dazugehörigen Ökosystem, das wir Neuraverse nennen. Hier wird das Gesamtwissen gebündelt, hier liegen die Skills für verschiedenste Aufgaben. Man kann sich das wie ein externes Gehirn mit einem Langzeitgedächtnis vorstellen, das sich zudem mit anderen Sensoren und Systemen verbindet.

Es stellen sich auch ethische Fragen. Würden Sie Ihre Eltern oder Ihre Kinder von einem Roboter betreuen lassen?
Ja, sobald er Marktreife hat. Wir haben hier Roboterhunde, auf denen meine Töchter reiten, wenn sie samstags in die Firma kommen. Da gibt es eine sichere Elektronik und eine klare Risikominderung. Eine Gefahr sehe ich im Fall vollständiger Autonomie, wenn der Roboter alleine entscheidet, was er wann und wie tut. Das ist auch einer der Gründe, warum wir uns komplett aus dem Defense-Bereich heraushalten. 

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