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INTERVIEW

„Deutschland hat mehr Gründe für Vision als für Pessimismus“

Ex-Apple-Executive Satjiv Chahil über das verkannte Innovationspotenzial Europas, Indien als Strategie-Partner und die Chance für München, Fehler des Silicon Valley zu korrigieren.

Der indisch-amerikanische Tech-Pionier und Marketing-Experte, der einst mit Steve Jobs Apple aufbaute, setzt heute große Hoffnungen in die Region München als neues Technologie-Zentrum im Herzen Europas. Chahil gilt als Verfechter für Bildung, Gleichberechtigung und die ethische Nutzung von Technologie.

Sie haben Silicon Valley als ein Wunder der Innovation beschrieben, zugleich aber auch als ein unvollendetes Experiment. Was genau meinen Sie damit?
Als ich Anfang der 1980er-Jahre ins Silicon Valley kam, war es ein Ort, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Hier waren langhaarige Wissenschaftler, die Grateful Dead hörten und daran glaubten, die Welt verändern zu können – und es dann tatsächlich taten. 

Der PC, die grafische Benutzeroberfläche, Desktop-Publishing, der Internetbrowser, Multimedia, das Smartphone … all das entstand aus einer Kultur, die radikal offen, interdisziplinär und idealistisch war: eine Verbindung aus Talent, Kapital, akademischer Brillanz, Einwanderung und einem eigentümlich kalifornischen Optimismus, die in wenigen Jahrzehnten mehr folgenreiche Erfindungen hervorbrachte als die meisten Zivilisationen in Jahrhunderten. 

Aber ich nenne es ein unvollendetes Experiment, weil der ursprüngliche Geist verraten wurde. Heute ist das Valley eine Konzentration außergewöhnlichen Reichtums und außergewöhnlicher Macht in den Händen einer sehr kleinen Zahl von Menschen, die zunehmend von den Geisteswissenschaften, von bürgerschaftlicher Verantwortung und von der breiteren menschlichen Erfahrung entkoppelt sind.

Welche konkreten Erkenntnisse und Konzepte ziehen Sie aus Ihren Erfahrungen im Silicon Valley und aus Ihrer Zeit bei Apple, Palm und HP?
Ich hatte das außergewöhnliche Privileg, bei mehreren entscheidenden Momenten der digitalen Revolution dabei zu sein: bei der Entstehung des Multimedia-Computings bei Apple, bei der Entwicklung des ersten wirklich persönlichen mobilen Geräts bei Palm und bei der Kampagne, den Personal Computer bei HP wieder persönlich zu machen.

Aus diesen Erfahrungen habe ich einige Überzeugungen gewonnen, die ich für zeitlos halte. Die erste lautet: Technologie ist für sich genommen träge. Sie wird erst dann bedeutsam, wenn sie sich mit menschlicher Kultur verbindet – mit Musik, Film, Mode, Sport, Bildung, Gesundheit.

Die zweite Lehre ist, dass die kraftvollsten Innovationen an den Grenzen zwischen Disziplinen entstehen. Die Menschen, die die transformativsten Produkte geschaffen haben, waren selten reine Technologen. Es waren Menschen, die Musik und Ingenieurwesen verstanden, oder Film und Software, oder Mode und Hardwaredesign. Dieses interdisziplinäre Gespür sehe ich in der besten europäischen Kultur.

Die dritte Lehre lautet: Marketing ist im besten Sinne nicht bloß Überzeugung, sondern Verbindung und Inspiration. Es ist die Kunst, Menschen begreiflich zu machen, warum eine Innovation für ihr Leben wichtig ist.

Und die vierte Lehre, die ich schmerzhaft in den Jahren gelernt habe, als Apple beinahe zusammenbrach, lautet: Scheitern ist nicht das Gegenteil von Innovation, sondern ein wesentlicher Bestandteil davon. Das ist eine Lehre, von der Deutschland und Europa enorm profitieren würden, wenn sie sie verinnerlichten.

Wie wurden Sie erstmals auf München aufmerksam?
Meine Verbindung zu Bayern reicht bis in die frühen 90er-Jahre zurück, als ich gebeten wurde, Apples Bereich New Media and New Markets zu gründen und zusätzlich die Verantwortung als Interimsleiter von Apple Europe zu übernehmen.

Welches Potenzial haben Sie erkannt?
Was mich sofort beeindruckte und was mich bis heute beeindruckt, ist die außergewöhnliche Tiefe der ingenieurtechnischen Exzellenz. Bayern verfügt über einige der besten Talente der Welt in Präzisionsfertigung und Ingenieurwesen – in der Automobilindustrie, in der Industrietechnologie, in der Optik, in der Medizintechnik. Das ist kein kleiner Vorteil.

Was München braucht, ist eine größere Bereitschaft, über Optimierung hinauszudenken und sich in Richtung Erfindung zu bewegen. Die deutsche Ingenieurtradition ist hervorragend darin, Dinge besser zu machen. Der nächste Schritt besteht darin, die Kultur und das Selbstvertrauen zu entwickeln, Dinge zu schaffen, die es zuvor noch nie gegeben hat.

Wie erleben Sie Deutschland und seine Menschen?
Ich empfinde Deutschland als eine zutiefst ernsthafte Zivilisation. In einer Welt, die in Fragen von Bedeutung gefährlich leichtfertig wird, ist Deutschlands Ernsthaftigkeit ein enormer Vorteil.

Aber ich beobachte manchmal auch, dass Deutsche zu sehr von Selbstzweifeln erfüllt sind. Es gibt hier eine selbstkritische Neigung, die in ihrer Demut bewundernswert ist, aber kontraproduktiv werden kann, wenn sie in Selbstzweifel umschlägt.

Ich sage meinen deutschen Freunden: Aus der Asche der Katastrophe haben Sie eine der erfolgreichsten, menschlichsten und am besten organisierten Gesellschaften der Menschheitsgeschichte aufgebaut. Das ist eine Leistung von beinahe unvorstellbarer Größe. Stehen Sie dazu! Bauen Sie darauf auf! Und haben Sie das Selbstvertrauen, es nach außen zu tragen!

Reformstau und politische Polarisierung sind real …
Ich verstehe den Pessimismus, und ich nehme ihn ernst. Aber ich würde vorsichtig sagen: Pessimismus ist ein Luxus, den sich ein Land mit den Fähigkeiten Deutschlands nicht leisten kann. Und wichtiger noch: Er ist durch die Fakten nicht gerechtfertigt.

Von außen betrachtet sehe ich die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, ein Land mit einem Handelsüberschuss, der auf wirklich exzellenten Produkten beruht, eine der qualifiziertesten und produktivsten Arbeitnehmerschaften der Erde, ein Netz von Universitäten und Forschungseinrichtungen, das global wettbewerbsfähig ist, und eine soziale Infrastruktur – Gesundheitswesen, Bildung, Rechtsstaatlichkeit –, von der die meisten Länder nur träumen können.

Die Energiewende ist komplex. Bürokratie kann lähmend sein. Die digitale Infrastruktur muss modernisiert werden. Und politische Polarisierung ist eine echte Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Aber ich habe Unternehmen und Länder erlebt, die weit prekärere Situationen gemeistert haben.

Deutschland sollte nicht versuchen, mit dem Silicon Valley nach dessen eigenen Regeln zu konkurrieren. Es sollte die neuen Technologien auf jene Bereiche anwenden, in denen Deutschland bereits führend ist: Automobilindustrie, industrielle Automatisierung, Präzisionsmedizin, Energiesysteme oder Materialwissenschaft.

Und während die Aufmerksamkeit der Welt vom geopolitischen Technologiewettlauf in Anspruch genommen wird, ist die größte Herausforderung, vor der die Menschheit steht, nicht der Wettbewerb zwischen Nationen. Es ist die Herausforderung, die wir uns selbst stellen – durch Klimawandel und Umweltzerstörung.

Und genau hier haben Deutschland und Europa eine einzigartige Chance, Führung zu übernehmen. Der Anspruch, der im European Green Deal und im Clean Industrial Deal verankert ist, versetzt Europa in die Lage, eine nachhaltige industrielle Transformation anzuführen. Deutschland hat mehr Gründe für Vision als für Pessimismus.

Silicon Valley lebt von internationaler Talentmigration. Was müsste Deutschland verändern, um ein ähnlich attraktiver Standort für globale Spitzentalente zu werden?
Das ist vielleicht die wichtigste Frage für Deutschlands technologische Zukunft. Das Silicon Valley war historisch der Ort, an dem ein junger Mensch aus Amritsar, Bengaluru, Peking oder São Paulo mit nichts als Talent und Ehrgeiz ankommen konnte und nach der Qualität seiner Ideen beurteilt wurde – nicht nach seiner Hautfarbe oder dem Land in seinem Pass. Diese radikale Offenheit für Talente aus aller Welt hat das Silicon Valley aufgebaut. Punkt.

Deutschland hat in diese Richtung bedeutende Fortschritte gemacht, aber es ist noch ein beträchtlicher Weg zurückzulegen. Die praktischen Hürden – Visa-Bürokratie, Sprachanforderungen, Anerkennung von Qualifikationen – sind gut dokumentiert und werden angegangen, wenn auch zu langsam.

Die tiefere Herausforderung ist jedoch kultureller Natur. Deutschland muss eine Willkommensgeschichte entwickeln und in die Welt tragen. Sprache ist ein Teil davon. Ich würde Deutschland und ganz Europa ermutigen, englischsprachige Zugänge in Wirtschaft und Technologie auszubauen, ohne Deutsch und die eigenen Sprachen aufzugeben.

Noch wichtiger ist jedoch die schwer greifbare Qualität von Offenheit – das Gefühl, dass ein Neuankömmling dazugehören kann. Und ich möchte eine strategische Beobachtung hinzufügen, die oft übersehen wird: Die Zukunft der Menschheit und des Planeten wird in hohem Maße in Asien geprägt werden.

Deutschland und Europa sind geografisch und strategisch näher an Asien als die Vereinigten Staaten. Das ist ein enormer Vorteil, der im Wettbewerb um globale Talente sehr viel aktiver genutzt werden könnte. Die Talentpipeline der Zukunft verläuft ebenso sehr durch Delhi, Shanghai und Singapur wie durch San Francisco.

Hat Europa noch eine Chance, im Technologiewettlauf zwischen China und den Vereinigten Staaten mitzuhalten?
Europa hat absolut eine Chance – aber nur, wenn es die Frage neu formuliert. Wenn Europa Erfolg so definiert, dass es das nächste Google oder das nächste Baidu aufbauen will, wird es verlieren.

Die entscheidendere Frage lautet: Wer wird KI-Anwendungen entwickeln, die das menschliche Leben in konkreten, bedeutsamen Bereichen tatsächlich verbessern? Und hier verfügt Europa über enorme Vorteile, die es noch nicht vollständig ausgeschöpft hat.

Nehmen wir das Gesundheitswesen. Europa hat einige der besten medizinischen Forschungseinrichtungen der Welt, universelle Gesundheitssysteme, die große und gut strukturierte Datenmengen erzeugen, und ein regulatorisches Umfeld, das entgegen der verbreiteten Meinung zu einem erheblichen Vorteil werden könnte, weil es Entwickler zwingt, KISysteme zu schaffen, die vertrauenswürdig, transparent und sicher sind.

Dieselbe Logik gilt für Fertigung, Energiesysteme, Verkehr und Landwirtschaft. Die Chance besteht darin, das zu entwickeln, was ich souveräne KI-Fähigkeiten nennen würde: KI-Systeme, die europäischen Werten dienen, europäische Daten schützen und europäische Industrien stärken, anstatt diese Fähigkeiten amerikanischen oder chinesischen Plattformen zu überlassen.

Die Regulierung digitaler Technologien lässt sich tatsächlich als Wettbewerbsvorteil interpretieren?
Wir erleben eine Phase, in der die mächtigsten Technologien, die je geschaffen wurden – Künstliche Intelligenz, soziale Medien, Überwachungssysteme, Biotechnologie –, global und in großem Maßstab eingesetzt werden, mit minimaler Aufsicht und oft mit schädlichen Folgen.

Der gesellschaftliche Schaden, den unregulierte soziale Medienplattformen verursacht haben – für demokratische Institutionen, für die psychische Gesundheit, für den sozialen Zusammenhalt –, ist inzwischen gut dokumentiert. Die potenziellen Risiken unregulierter KI sind noch größer.

In diesem Umfeld ist die Tatsache, dass Europa darauf bestanden hat, Leitplanken zu setzen – für Privatsphäre, Datenschutz, algorithmische Transparenz und Plattformverantwortung –, ein Zeichen zivilisatorischer Reife. Und ich glaube, dass der Markt dies zunehmend belohnen wird.

Europäische Standards könnten zum globalen Goldstandard für vertrauenswürdige Technologie werden, ähnlich wie deutsche Ingenieurstandards zum globalen Maßstab für Qualität wurden.

Der Vorbehalt – und er ist wichtig – lautet: Regulierung muss klug sein, nicht bloß schwerfällig. Sie muss Bürger schützen, ohne Innovatoren zu ersticken. Sie muss Grenzen setzen, ohne Ergebnisse vorzuschreiben.

Welches Potenzial sehen Sie im neuen Handels- und Investitionsabkommen zwischen der EU und Indien?
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Beziehung zwischen der EU und Indien eine der folgenreichsten und zugleich am stärksten unterschätzten strategischen Chancen unserer Zeit darstellt.

Deutschland und Europa müssen ihre Lieferketten diversifizieren und sich von einer übermäßigen Abhängigkeit von China lösen – nicht aus Feindseligkeit gegenüber China, sondern aus kluger strategischer Ausgewogenheit.

Indien bietet eine riesige, junge und zunehmend qualifizierte Arbeitnehmerschaft, einen schnell wachsenden Binnenmarkt und ein demokratisches politisches System, das grundlegende Werte mit Europa teilt: Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus, freie Meinungsäußerung.

Wie könnten indische Unternehmer profitieren, und wie deutsche Unternehmer?
Für deutsche Unternehmer ist Indien nicht nur eine Quelle kostengünstigerer Ingenieurstalente, obwohl es das ganz gewiss auch ist.

Deutschland steht bis 2035 vor einem prognostizierten Mangel von 7 Millionen Arbeitskräften, während Indien bis 2030 voraussichtlich einen Überschuss von 245 Millionen hochqualifizierten Arbeitskräften haben wird – eine Ressource für alle Nationen.

Noch wichtiger ist: Indien ist ein Partner mit komplementären Fähigkeiten. Indiens Stärken in Softwareentwicklung, Datenwissenschaft und IT-Dienstleistungen sind gut etabliert.

Weniger bekannt außerhalb der Technologiecommunity ist die außergewöhnliche Tiefe der Innovation, die heute in Indien in Bereichen wie Fintech, Healthtech, Edtech und Agrartechnologie entsteht – Innovationen, geboren aus der Notwendigkeit in einem Land, das 1,4 Milliarden Menschen mit begrenzten Ressourcen versorgen muss.

Diese Innovationen sind direkt auf Herausforderungen anwendbar, vor denen Europa steht: von der Gesundheitsversorgung über finanzielle Inklusion bis hin zu nachhaltiger Landwirtschaft.

Für indische Unternehmer bieten Europa und Deutschland etwas ebenso Wertvolles: Zugang zu den anspruchsvollsten Verbrauchern der Welt, den strengsten Qualitätsstandards und einer Unternehmenskultur, die langfristige Partnerschaft höher bewertet als kurzfristige Abschöpfung.

Indien wurde von renommierten Politikwissenschaftlern wie Herfried Münkler als aufstrebende Macht und als mögliche fünfte Weltmacht der Zukunft beschrieben.
Ich würde es lieber als eine wiederaufstrebende, hochgradig dynamisierte Macht bezeichnen. Es schadet nicht, daran zu erinnern, dass Indien der Geburtsort der Mathematik, des Zahlen- und Dezimalsystems, der Null und weiterer Grundlagen ist, ohne die Ingenieurwesen und Wissenschaft nicht möglich wären.

Die Partnerschaft zwischen Indien und Deutschland wird genau in dem Maße gedeihen, in dem sie auf echtem intellektuellem Respekt beruht.

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