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Wendet sich das Schicksal der Ukraine?

Auch nach vier Jahren russischer Angriffe halten die Bevölkerung und das Militär stand. Dem Land ist es sogar gelungen, eine eigene Rüstungsproduktion aufzubauen. In Putins Regime werden Risse erkennbar, deren Auswirkungen jedoch schwer vorhersehbar sind.

Das zweite Panel der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) bei NEU DENKEN stand unter dem Motto „The International Order Between Reform and Destruction“. Unter der Moderation von MSC-Leiter Prof. Dr. h. c. Wolfgang Ischinger diskutierten auf dem Podium Christopher G. Cavoli, er war US-General zwischen 2022 und 2025 sowie NATO-Oberbefehlshaber Europa; Dr. Michael Schöllhorn, CEO Airbus Defence and Space, und Dr. Ali Fathollah-Nejad, Gründer und Direktor des Center for Middle East and Global Order (CMEG). Per Live-Schalte aus Kyjiw nahm darüber hinaus der ukrainische Vizepremier Taras Kachka an der Debatte teil.

Seit mehr als vier Jahren setzt das russische Militär seinen Großangriff kompromisslos fort. Die Ukraine verlor dabei rund ein Fünftel des Territoriums, konnte sich aber zunehmend erfolgreich zur Wehr setzen und mitunter Gelände zurückgewinnen. Alle Anläufe für eine politische Lösung und einen Waffenstillstand scheiterten an der Tatsache, dass sich Russland militärisch auf dem Vormarsch befand oder zumindest für sich die Möglichkeit sah, weitere Teile der Ukraine zu besetzen.

Im Frühjahr 2026 gab es mehrere Hinweise dafür, dass sich das Blatt wenden könnte: Während das ukrainische Militär zunächst fast komplett auf Waffenlieferungen der westlichen Verbündeten angewiesen war, nutzt es inzwischen zunehmend selbst konzipierte und produzierte Waffensysteme und greift insbesondere mit Langstreckendrohnen strategische Ziele in sehr unterschiedlichen Teilen Russlands erfolgreich an. Dies hatte nicht nur empfindliche Treffer auf Energieinfrastrukturen beispielsweise im Raum Sankt Petersburg zur Folge. Der russische Machthaber Wladimir Putin verzichtete auch bei der traditionellen Siegesparade am 9. Mai dieses Jahres aus Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen darauf, großes Kriegsgerät zur Schau zu stellen, und musste Kyjiw sogar um eine Waffenruhe bitten.

Keine rationalen Entscheidungen im Kreml
Auch wenn diese Entwicklungen im Westen in erster Linie als Schwäche von Russland gedeutet wurden, gibt es keine Hinweise darauf, dass Moskau seinen Angriffskrieg einstellen wird, solange Putin an der Macht bleibt. In welcher Form diese Schwächen im Inland wahrgenommen werden und innerhalb des streng hierarchisch regierten Landes zu neuen Entscheidungen führen, lasse sich schwer vorhersehen.

Das liege unter anderem auch daran, dass der Machthaber im Kreml nicht über wahrhafte Informationen verfüge, die ihm eine rationale Entscheidung ermöglichten. Innerhalb der russischen Militärhierarchien, das sei westlichen Geheimdiensten bekannt, werden Misserfolge mitunter verschwiegen, oder es wird sogar „endemisch gelogen“, wie es ein Teilnehmer ausdrückte. Die Hierarchie ist intakt, habe aber deutliche Risse. Wie und wann sich diese auswirken, sei nicht kalkulierbar.

In Kyjiw lehnt man indes den aus Berlin vorgetragenen Vorschlag ab, der Ukraine einen Zwischenstatus bei den Verhandlungen für einen EU-Betritt zu gewähren. Mit der Gewissheit im Nacken, dass Putin den Angriffskrieg bis zum Ende seines Lebens nicht aufgeben werde, herrsche in der ukrainischen Regierung Klarheit darüber, dass nur ein vollständiger EU- oder NATO-Beitritt wirksame Sicherheit garantiere. Statt einen solchen Vollbeitritt durch einen Zwischenstatus zu verzögern, setze man alles auf einen beschleunigten Beitrittsprozess.

Die schwierige Rolle Europas
Gleichzeitig könne Europa seinen Teil dazu beitragen, dass bereits beschlossene Sanktionen gegen den Aggressor strenger umgesetzt würden. Denn noch immer fänden in russischen Raketen, die immer wieder Wohnhäuser und zivile Infrastruktur in der Ukraine zerstörten, aus dem Westen bezogene Bauteile Verwendung.

Aus europäischer Sicht stellt sich die Frage, inwieweit die diplomatischen Verhandlungen mit Russland wie bislang quasi komplett in den Händen von Washington verbleiben sollten. Die Gespräche mit Kremlchef Putin haben auf der Seite des Westens ausschließlich US-Präsident Donald Trump sowie seine Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner geführt. Sollte Europa nicht besser in Kooperation mit Kyjiw einen eigenen Verhandlungsführer benennen, der die europäische Position bei den Verhandlungen wirksam vertreten könnte? Die Frage blieb unbeantwortet, auch weil die Live-Verbindung mit der Ukraine mitten im Gespräch abbrach.

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