Innovation
Vom Startup zum Griff nach den Sternen
Allen Problemen und Unkenrufen zum Trotz erlebt Deutschland einen Gründerboom. Ein Blick auf das Innovationspotenzial bei kleinen und großen Playern – von KI-Anwendungen über Robotik bis hin zur Raumfahrt.
Wenn von Innovation und ihrem Stand in Deutschland die Rede ist, dann passt auch hier der von Joachim Gauck ins Spiel gebrachte Begriff des Untermuts – die Stichwörter lauten starres Mindset, mangelnde Risikobereitschaft, Unterfinanzierung.
Das geht so weit, dass das Unterfangen eines Startups nach Ansicht der Referenten überhaupt nicht in seiner positiven und vielschichtigen Tragweite erfasst wird. Gleichzeitig erhielten die Gäste von NEU DENKEN tiefen Einblick in Innovationsgeschichten made in Germany, die das Etikett NEU HANDELN mehr als verdienen.
Zu Wort kamen zu dem Themenkomplex unter anderem Hendrik Brandis, Gründer des Risikokapitalgebers Earlybird, Markus Moeller, CSO beim familiengeführten Technologiekonzern OHB SE mit Hauptsitz in Bremen, der Investor Christian Miele, der bis 2023 dem Bundesverband Deutsche Startups vorsaß, Hakan Koç, CEO von 1Global und Gründer der Gebrauchtwagenplattform Auto1, oder der ehemalige Apple-Pionier Satjiv Chahil.
Weitere Experten waren David Reger, Gründer und CEO von NEURA Robotics – das Hightech-Unternehmen aus Metzingen hat in einer der größten Finanzierungsrunden der deutschen Wirtschaftsgeschichte rund 1,4 Milliarden US-Dollar eingesammelt – sowie der Luftfahrtexperte und Ex-Pilot Stefan Kracht.
Im Zentrum der Debatte stand die von allen Referenten geteilte Feststellung, dass ein Startup in keinem Fall Geld verbrenne – selbst dann nicht, wenn es erst nach vielen Jahren oder letztendlich gar nicht erfolgreich sei.
Man müsse sich vor Augen führen, wie viele gut bezahlte Mitarbeiter in Startups involviert seien, die Sozialversicherungsbeiträge und angesichts ihrer Spitzengehälter jede Menge Einkommensteuer zahlen sowie auch jede Menge Erfahrung in innovativen Märkten sammeln.
Dieses „Jobprogramm“ sei selbst dann gegeben, wenn das gegründete Unternehmen noch weit davon entfernt sei, Gewinne zu erwirtschaften. Startups, das seien langfristige Wetten, die sich in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht schon kurzfristig bezahlt machten.
Auch hinsichtlich des für Startups nötigen Kapitalmarkts gebe es Missverständnisse. Es sei nicht nur wichtig, bedeutende und risikofreudige Geldgeber zu haben. Die Investitionen müssten zudem in einem Ökosystem angesiedelt sein, dessen strategischer Mehrwert beim Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens hilft.
Gerade bei Familienunternehmen und Mittelständlern zeige sich im Vergleich zu den USA – trotz der dort zu beobachtenden Fehlentwicklungen im Silicon Valley – ein intellektuell-kultureller Aufholbedarf.
Hoffnung in diesem Wettrennen mache nicht zuletzt die Tatsache, dass einige der innovativsten globalen Big Player gar nicht so alt seien, in kurzer Zeit also ein gewaltiges Wachstum möglich sei, wenn denn alle Zutaten stimmten.
Dazu gehören auch staatliche Rahmenbedingungen, die nicht nur den vielzitierten Bürokratieabbau betreffen, sondern den normativen Rahmen an sich – ein in der Debatte geäußertes Argument, das beispielhaft mit dem Vergleich zum US-Bundesstaat Delaware verdeutlicht wurde, wo viele Tech-Firmen rechtlich ihren Sitz haben.
So erhalten nach deutschem Recht selbst kleine Minderheitsaktionäre sofort tiefe Einblicke und Mitspracherechte. Viele deutsche Familienunternehmen wollten sich aber nicht so tief in die Karten schauen lassen, internationale Investoren wiederum oftmals gar nicht einmischen, sondern nur Geld geben.
Hinzu kämen absurde Verzögerungen etwa beim Notar. Genannt wurde ein Praxisfall, in dem Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe tagelang blockiert sein können, weil zunächst der winzige Pflichtanteil des Stammkapitals offiziell beim Notar eingetragen werden muss.
Dem deutschen Startup-Ökosystem fehlten weder Talente noch Geld, sondern eine Anpassung der geltenden Regeln.
Das riesige Potenzial – trotz aller Hindernisse
Derlei Probleme verhinderten zwar nicht den Erfolg von Startups – Gründer müssten sich schließlich immer einen Weg bahnen, für sie existiere keine perfekte Welt.
Doch wenn die rechtlichen Probleme endlich gelöst und das Ökosystem für Startups optimiert würde, könnte sich Deutschland angesichts der Talente und der erfolgreichen Grundlagenforschung ein enormes Potenzial an weltweit skalierbarer Innovation erschließen.
Ein Beispiel dafür ist WhatsApp: Die US-Erfindung benutzt eine technische Infrastruktur, die nicht zuletzt auch auf deutscher Ingenieurskunst und Forschung basiert – von der SMS-Logik über die Chat-Server bis hin zur Audiokomprimierung.
Genannt wurde in der Debatte auch der Name Hartmut Esslinger: Der aus dem Schwarzwald stammende Pionier des Industriedesigns trug seinen Anteil dazu bei, Produkte des Silicon Valley auch für den Massenmarkt attraktiv zu machen.
Dass trotz der genannten Probleme die Chancen für Unternehmensgründungen heute nicht schlecht stehen, zeigt die Statistik: 2025 entstanden in Deutschland mehr als 3.500 Startups – ein regelrechter Gründungsboom mit einem Plus von knapp 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Bereiche wie KI-Anwendungen, Defense oder Space sorgen für überproportional viel Wachstum, das aber wegen des verengten Blicks auf die globalen Big Player nicht in seiner ganzen Dimension wahrgenommen wird.
Beispiel Robotik: China macht zwar weltweit Schlagzeilen mit tanzenden humanoiden Robotern. Doch hinsichtlich Sensorik und Computerarchitektur stehe Deutschland in der Entwicklung nicht hintenan und könne Roboter künftig ideal einsetzen, um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen und wirtschaftliche Relevanz in der Welt zurückzuerobern.
Voraussetzung sei freilich, dass der geforderte und begonnene Mindset-Change voranschreitet und in der öffentlichen Debatte statt der Gefahren vor allem die Chancen anerkannt werden.
Beispiel Airports: Vorgestellt wurde die Entwicklung eines Projekts für den Flughafenbetrieb, bei dem KI-gesteuerte Roboter das vollautomatische Manövrieren von Flugzeugen am Boden übernehmen – ohne den Einsatz der Flugzeugtriebwerke.
Dies spart nicht nur große Mengen Treibstoff und damit Emissionen, sondern macht den Flughafenbetrieb zudem unabhängig von Arbeitskräftemängel und Streiks des Bodenpersonals, da der Ablauf vollständig digitalisiert und automatisiert werden kann.
Die gesamte Technologie von der Soft- bis zur Hardware soll bewusst in Deutschland bleiben. Es gebe großes Interesse an dem Projekt im In- wie auch im Ausland.
Vor allem aber wurde ein Zukunftsszenario für die Entwicklung der Raumfahrt und mit ihren vielversprechenden Perspektiven für Europa skizziert: Auch wenn der Konzern SpaceX von Elon Musk – mit 165 der insgesamt 324 orbitalen Raketenstarts im Jahr 2025 – den weltweiten Markt dominiert habe eine europäische Aufholjagd begonnen, noch auf sehr niedrigem Niveau, aber mit einem Wachstumspotenzial, das auf dem Podium von NEU DENKEN als exponentiell beschrieben wurde.
Neben dem Bau von Satelliten seien enorme Kapazitäten für den Bau von Raketen in der Entstehung, um der stark wachsenden Nachfrage gerade nach integralen Systemlösungen gerecht zu werden.
Die Satelliten-Revolution
Für diese Nachfrage gibt es eine Reihe von Gründen vor dem Hintergrund veränderter Rahmenbedingungen.
In den vergangenen Jahren hat sich die Bauweise von Satelliten radikal verändert: Die Ära tonnenschwerer Systeme im weit entfernten Orbit geht zu Ende. Stattdessen dominieren heute hocheffiziente Kleinstsatelliten – infolge der Smartphone-Revolution sind Computerchips, Batterien und Sensoren winzig und extrem leistungsstark geworden.
Dank des immens reduzierten Gewichts können moderne Raketen bei einem einzigen Start nun viele Satelliten gleichzeitig ins All befördern. Gleichzeitig werden Megakonstellationen von ihnen im Orbit benötigt, etwa um die gesamte Erde lückenlos mit schnellem Internet zu versorgen.
Die Rede ist darüber hinaus von Datacentern im All, von orbitaler Produktion in Abwesenheit von Gravitation – ein gewaltiges Geschäftsfeld für Satelliten wie für Trägersysteme, das gerade erst ins Rollen gekommen sei und dessen Dimensionen man bislang nur erahnen könne.
Gleichzeitig fließen verstärkt öffentliche Gelder: Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) hat ein Rekordbudget von gut 22 Milliarden Euro für den Zeitraum 2026 bis 2028 beschlossen – immer noch wenig im Vergleich zu den USA, aber knapp ein Drittel mehr als in den drei Jahren zuvor.
Zumal diese Mittel zielgerichtet in einer Technologiebranche eingesetzt werden sollen, in der Europa sich nicht verstecken muss.
Verwiesen wurde auf das hochpräzise Navigationssystem Galileo, das weltweit seinesgleichen suche, oder das System Copernicus von EU und ESA, das leistungsstärkste und umfassendste Programm zur Erdbeobachtung und Umweltüberwachung.
In bestimmten Bereichen der Weltraumbranche fließe aber weiterhin deutlich zu wenig Geld. Im Gegensatz zu großen Technologiekonzernen und aufstrebenden New-Space-Unternehmen wie Isar Aerospace – im Jahr 2022 war der CEO und Mitgründer des einstigen Startups, Daniel Metzler, Referent bei NEU DENKEN – seien andere gute, aber weniger bekannte Initiativen noch immer unterfinanziert.
Es gibt noch mehr Faktoren für die Strahlkraft der Branche. Angesichts der Unberechenbarkeit der US-Wirtschaftspolitik habe das Interesse an europäischen Dienstleistern zugenommen.
Zwischen den Märkten werde inzwischen deutlicher unterschieden, das Stichwort europäische Souveränität spielt auch beim Griff nach den Sternen eine Rolle.
Und dann wären da die Synergieeffekte mit anderen Bereichen, mit Universitätsstrukturen – viele Weltraum-Startups haben ihre Basis in akademischen Ausgründungen –, mit der Automobilbranche – ihre Kapazitäten und ihr Wissen sind auch in der Raumfahrt einsetzbar – sowie etwa auch mit kleineren und mittleren Unternehmen, die Spezialkomponenten zuliefern und als Innovationsmotor die gesamte Branche mit antreiben können.
Verwiesen wurde darüber hinaus auf das Potenzial an der Schnittstelle mit der strategisch und finanziell immens aufgewerteten Branche der Verteidigungstechnologie.
Aus all diesen Effekten in diesem dynamischen Ökosystem ergibt sich ein Wechselspiel, das sich mit dem Begriff der Industrietransformation übersetzen ließe – kein leichter, aber unter guten Vorzeichen in Angriff genommener Prozess, der beträchtlich zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands beitragen dürfte.